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Bitte beachten Sie auch unsere monatlich erscheinende Rubrik Apropos zu aktuellen weltpolitischen Geschehnissen.



30.8.2010

Rudolf Steiner am Dornacher Pranger
oder vom Umgang mit äußerer und innerer Gegnerschaft

Im Artikel Rudolf Steiner am Pranger brachte ich in der letzten Nummer einen kritischen Hinweis auf das im Pforte Verlag (ein Inprint des Rudolf Steiner Verlags) veröffentlichte Buch von Taja Gut, Wie hast du’s mit der Anthroposophie?
Meine abschließende Frage an die Verwaltungsräte des Rudolf Steiner Verlages in Bezug auf die Übereinstimmung des Firmenzwecks («Verein zur Erhaltung, Erforschung und Veröffentlichung des wissenschaftlichen und künstlerischen Nachlasses von Rudolf Steiner») mit dem erwähnten Buch wurde in einem persönlichen Schreiben wiederholt. Bis heute ohne Antwort. Eine Kopie des Briefes ist auch an den Herausgeber des Goetheanums gegangen, mit der Bemerkung, dass die wohlwollende Rezen-sion des Buches von Sebastian Jüngel in dieser Zeitschrift (Nr. 27/10) einen Tiefstpunkt an Verantwortung und Wahrhaftigkeit darstellt. Bis heute auch ohne Antwort. Zudem ist der dortige Verweis auf eine Stellungnahme des Archivs im Internet bis heute irreführend, denn auf der angegebenen Seite ist keine Stellungnahme zu finden.
1
Es drängen sich dazu einige Gedanken auf. In der Basler Zeitung vom 24.11.2007 berichtete der Präsident der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung wie des Rudolf Steiner Verlags, Cornelius Bohlen, über die GA 32, einen Band mit gesammelten Aufätzen Steiners zur Literatur, in dem sich angeblich antisemitische Stellen finden sollen: «Die Auslieferung dieses Buches wurde von uns gestoppt.» Bis heute sind also diese Texte von Steiner nicht mehr lieferbar (nur in der elektronischen Ausgabe der GA zu finden), vernichtet oder entsorgt, während dagegen eine im selben Verlagszusammenhang erscheinende Gegner-Schrift nicht nur eifrig beworben wird, sondern trotz mancherlei Protesten weiterhin lieferbar ist. Die bei uns eingegangenen Reaktionen gehen von «geistigem Verrat» über «Skandal» bis zur «Katastrophe» etc.
Am 20.12.2007 hatte Thomas Meyer in der Basler Zeitung auf den Auslieferungs-Stopp eine Replik veröffentlicht, unter dem Titel: «Kapitulation vor unhaltbarer Kritik» Meyer schreibt: «Die Verleger von Rudolf Steiners Gesamtwerk stoppten die Auslieferung von Band 32 der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe, der eine Anzahl von höchst lesenswerten Aufsätzen Steiners vereinigt.» Er betont am Schluss: «Anwürfe wie die neuerdings erhobenen sind so alt wie die Anthroposophie Rudolf Steiners. Neu ist, dass jene, die sein Werk veröffentlichen, mit einem Auslieferungsstopp reagieren.»
Wenn unhaltbare Kritik von außen kommt, so reagiert Herr Bohlen, während er auf berechtigte Kritik von innen bis heute nicht reagiert.

Zur Erinnerung: Ein historischer Präzedenzfall und seine Abwehr durch Steiner
Jürgen von Grone wurde im Juli 1923 als Redakteur wegen, wie es scheinen kann, weit weniger Gravierendem zur Verantwortung gezogen (sofort abgelöst) und Friedrich Rittelmeyer gewaltig abgekanzelt. Dies kann in GA 259 nachgelesen werden. Um was ging es? Im April 1923 erschien von Rittelmeyer in der Wochenschrift Anthroposophie ein Artikel über eine in Berlin veranstaltete Tagung von «Nichtanthroposophischen Kennern der Anthroposophie», einer äußerst ernstzunehmenden Organisation der gesamten Gegnerschaft, deren Haupteiferer Dr. jur. Goesch war.
2 Dr. Lempp schrieb darauf eine kurze Entgegnung, die im Juli in der Anthroposophie veröffentlicht und von Rittelmeyer zusätzlich in sehr entgegenkommender Weise kommentiert wurde. Niemandem innerhalb der Redaktion und des «Dreißigerkreises» war etwas aufgefallen. Am Tage der Veröffentlichung noch geißelte Rudolf Steiner den Artikel laut Protokollant wie folgt: «Er tadelte mit den schärfsten Worten, dass die Redaktion die Zuschrift eines ‹intellektuellen und moralischen Lumpen› wie des Lempp, die von ungeprüft hingenommenen Unwahrheiten, Lügen und Verleumdungen strotze, überhaupt abdrucke. Sie erniedrige sich dadurch selbst in einer unmöglichen Art und Weise. Denn es habe ja nicht die geringste Veranlassung vorgelegen, von diesen ‹Anwürfen eines Auswürflings› [sic!] auch nur Notiz zu nehmen. […]
Zu Rittelmeyer gewandt, sagte er diesem schonungslos, er könne nicht verstehen, dass er seine Entgegnung auf die Zuschrift eines Menschen, der in leichtfertiger Weise lüge, anstatt diesen, nicht nur zur Abwehr, sondern im Interesse der Wahrheit und des Geisteslebens der Gegenwart an den Pranger zu stellen, mit Worten beginne wie: ‹Erfreulich an der Einsendung ist…› […] Aber das komme eben daher, dass man sich angewöhnt habe, keinem Gegner wehzutun, sondern sie mit Glacé-Handschuhen anzufassen, und auf seine Kosten, dem man alles bieten zu dürfen glaube, den Vornehmen zu spielen. […] Dass in unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung minutiöseste Gewissenhaftigkeit Grundbedingung ist, davon hat hier niemand Ahnung! Er habe nicht gedacht, dass er so etwas erfahren müsse von einer Zeitung, die er mitbegründet habe und für die er jede Woche einen Artikel aus dem ‹Goetheanum› zur Verfügung stelle. Was müssten die Gegner über so etwas denken! Die Anthroposophen müssen viel auf dem Kerbholz haben, dass sie auf einen solchen Artikel nur so lahm und schwach zu antworten wagen!»

Zurück zum Fall Gut
Und was denken sich die heutigen Gegner über ein innerhalb des Dornacher Rudolf Steiner Verlags veröffentlichtes Buch wie das Gut’sche? Ein Dämonengelächter ist der Affäre jedenfalls gewiss!
Wenn auch Spenden-Gelder und Legate zur Finanzierung dieses Buches beitragen müssen, dann könnte dieser Fall durch jene, die daran aufwachen, auch wirtschaftliche Folgen haben, da sich solche Sponsoren in Zukunft vielleicht genauer überlegen werden, wo sie ihr Geld verschenken. Wir sind gespannt, ob es bei diesem viel gravierenderen Fall innerer Gegnerschaft als dem Fall Rittelmeyer-Lempp bei der bisher ebenso lahmen und schwachen Reaktion bleibt.

Marcel Frei, Basel


1 Nach Redaktionsschluss ist die Stellungnahme aufgeschaltet worden (www.rudolf-steiner.com/archiv/rezensionen/stellungnahme_taja_gut). Walter Kugler verteidigt darin die Editionspraxis des Rudolf Steiner Nachlassvereins, sagt aber kein Wort zur Verunglimpfung der Person und des Werkes von R. Steiner. Wie muss die doppelte Präsidentschaft von Herrn Bohlen im Nachlassverein und im Rudolf Steiner Verlag beurteilt werden, wenn sich statt einer wirklichen Stellungnahme zum Gut’schen Machwerk, das Steiner in dilletantisch-süffisanter Art verunglimpft, nur Bohlens Mitarbeiter gegenseitig anprangern?

2 Zu Goesch und seiner Pathologie, auf den sich jüngst auch Helmut Zander in seinem Mammutwerk beruft: siehe Karl Heyer, Wie man gegen Rudolf Steiner kämpft, Perseus, 2008, S. 8 und S. 78ff. In der Einleitung des Herausgebers findet sich auf S. 12 auch ein Hinweis auf die beanstandeten Stellen in GA 32.


  Den vollständigen Artikel von Marcel Frei zum herunterladen.




8.7.2010

Rudolf Steiner am Pranger

Die Hinterlassenschaft eines Geisteslehrers muss von den Späteren «im rechten Sinne fortgebildet» werden, wie es im siebten Bild des Mysteriendramas Die Prüfung der Seele heißt. Damit stellte Rudolf Steiner das Idealbild einer zeitgemäßen Fortbildung auch der von ihm selbst begründeten anthroposophischen Bewegung in die Welt.
Gegen diese notwendige Forderung für eine fruchtbare Weiterentwicklung einer spirituellen Bewegung kann in zweierlei Richtung verstoßen werden. Erstens dadurch, dass statt einer Fortbildung am letzten Jota festgehalten wird; und zweitens dadurch, dass zwar «fortgebildet» wird, aber nicht im rechten Sinne. Diese Problematik trat schon innerhalb der theosophischen Bewegung auf.
Beide Extreme – die natürlich verschiedene, dazwischen liegende Haltungen umschließen – sind in der heutigen anthroposophischen Bewegung (und Gesellschaft) anzutreffen. Die einen wollen alles dogmatisch auf die «Weihnachtstagung» gründen, die anderen gehen relativistisch vor und betrachten alles in der Anthroposophie als etwas Fortzubildendes. Ein Paradebeispiel für die zweite Strömung ist das Buch von Taja Gut Wie hast du’s mit der Anthroposophie?



Hat Rudolf Steiner den Reinkarnationsgedanken je verworfen?
Zu einer von Taja Gut kolportierten Irr-Auffassung

Es ist bei manchen Anthroposophen Mode geworden, in leichtfertiger Art von «Widersprüchen» in den Anschauungen Rudolf Steiners zu reden.
*
Jüngst hat Taja Gut in seinem Büchlein Wie hast du’s mit der Anthroposophie? nebenbei auf einen besonders gravierenden «Widerspruch» in Steiners Reinkarnationsauffassung gedeutet. Es handelt sich um die – nach Gut – «noch 1892, also im Alter von 31 Jahren, in einer Rezension abgelegte Erklärung, sich zu den Bekennern ‹ganz entgegen gesetzter Anschauungen› als der Reinkarnation zu zählen, die der späteren Aussage im Lebensgang widerspricht: ‹In der Zeit, in der sich mir über die wiederholten Erdenleben konkrete Anschauungen immer mehr herausbildeten [1888], lernte ich die theosophische Bewegung kennen›.» (A. a. O., S. 44)
Im Kern wird damit behauptet: Obwohl Steiner im Laufe des Jahres 1888 in Bezug auf die wiederholten Erdenleben «konkrete Anschauungen» gewonnen hatte – am 9. November dieses Jahres war ihm zudem seine vergangene Inkarnation zur Zeit der Scholastik aufgegangen –, habe er die Tatsache der Reinkarnation ein paar Jahre später plötzlich wieder in Frage gestellt.
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Gut hält es trotz der äußerst gravierenden Implikation seiner Behauptung nicht für nötig, eine exakte Quellenangabe der erwähnten Rezension zu liefern. In Wirklichkeit wärmt er einfach eine längst widerlegte Behauptung Christoph Lindenbergs auf, als ob sie eine längst erwiesene Wahrheit wäre. Dieses Vorgehen ist symptomatisch für die oberflächliche Verfahrensweise im ganzen Buch.
Da Gut die hier zur Rede stehende Behauptung von Christoph Lindenberg abgeschrieben hat, der wenigstens die Rezension angibt, auf die er sich stützt, soll im Folgenden Lindenbergs Ur-These kritisch ins Auge gefasst werden.

Christoph Lindenberg hat in einem Nebensatz seiner 1992 erschienenen Rowohlt-Monographie (S. 81) über Rudolf Steiner der Welt die Behauptung präsentiert, Steiner habe «die Erfahrungen von Wiederverkörperung und Karma (...) in den neunziger Jahren verworfen» (Hervorhebung T.M.). Doch bereits in seinem 1988 erschienenen Buch Rudolf Steiner – Eine Chronik hatte er festgestellt (S.115), dass sich Steiner in Bezug auf die Reinkarnation als «Bekenner ganz entgegen gesetzter Anschauungen» bezeichnet habe.
***
Diese Behauptung widerspricht zunächst einmal bestimmten Aussagen von Steiner selbst. Das ist zwar noch kein Gegenbeweis, aber eine Tatsache, welche Beachtung verdient. Erstens erzählt Steiner im Kap. VII. von Mein
Lebensgang
im Zusammenhang mit seiner Begegnung mit Fercher von Steinwand: «Gerade in der hier dargestellten Zeit meines Lebens errang ich mir die bestimmten Anschauungen über die wiederholten Erdenleben des Menschen.» Diese Zeit war, wie sowohl aus dem unmittelbaren Kontext dieses Satzes selbst sowie auch aus dem Anfang von Kap. VIII eindeutig hervorgeht die Zeit «um 1888
herum». Zum andern weist R. Steiner 1920 und 1924 verschiedentlich auf die reinkarnatorische Neumann-Bemerkung nach dem Vortrag vom 9. November 1888 hin.
Als wichtigsten Beleg für seine Behauptung führt Lindenberg eine sehr knappe Rezension Steiners an, die 1892 im Literarischen Merkur erschienen ist. Wir haben sie in nebenstehendem Kasten abgedruckt. Prüfen wir nach, ob diese kurze Rezension Steiners über ein Buch zum Thema Wiedergeburt Lindenbergs Theorie zu stützen vermag!

Die angeführte Steinersche Äußerung – Steiner zählt sich zu den «Bekennern ganz entgegen gesetzter Anschauungen» – kommt in der besagten Rezension tatsächlich vor. Doch worauf bezieht sich dieses Wort? Ein sorgfältiges Lesen zeigt: Ganz sicher nicht auf den Inhalt des Reinkarnationsgedankens, wie Lindenberg (und nach ihm Gut) meint. Dies soll im Folgenden nachgewiesen werden; in bewusster Beschränkung auf eine immanent-kritische Betrachtung von Steiners Rezension und ohne unmittelbare Berücksichtigung von Hauffes Werk selbst. Auch Lindenberg bezieht sich ausschließlich auf Steiners Besprechung dieses Buches.
Steiner schreibt am Anfang seiner Rezension: «Lessings ‹Erziehung des Menschengeschlechts› ist eine Fundstätte tiefsinniger Gedanken. Am besten hat das auseinandergesetzt Gideon Spicker in seinem Buche über Lessings Weltanschauung. Die sieben letzten Paragraphen der ‹Erziehung› handeln nun bekanntlich von der Metempsychose, das ist dem Auftreten der menschlichen Seelenindividualität in fortschreitenden Entwicklungsformen auf immer höherer Stufe. Dieser Idee ist das uns vorliegende Buch gewidmet. Die ersten Seiten enthalten eine brauchbare Auseinandersetzung des Hauptgedankens, wie er sich bei Lessing findet.» Wenn Steiner gleich im Einleitungssatz seiner Rezension feststellt, dass Lessings Werk «eine «Fundstätte tiefsinniger Gedanken» sei, so muss diese Aussage selbstverständlich auch auf den Kerngedanken der Lessingschen Schrift, den Reinkarnationsgedanken, bezogen werden; Lessing behandelt ja in den sieben letzten Paragraphen gerade die Reinkarnationsidee! Und soweit Hauffe im ersten Teil seiner Schrift Lessing paraphrasiert, attestiert ihm Steiner, eine «brauchbare Auseinandersetzung des Hauptgedankens, wie er sich bei Lessing findet», geliefert zu haben. Und dieser Gedanke gehört eben zu dem Tiefsinnigen in Lessings Werk. Mit keinem Wort zweifelt Rudolf Steiner die Berechtigung dieses tiefsinnigen Hauptgedankens der Reinkarnation an.
Steiner kommt es nun in allen folgenden Sätzen seiner Besprechung gar nicht darauf an, diesen «tiefsinnigen Gedanken» seinem Inhalte nach weiter und im Einzelnen zu erörtern resp. kundzutun, wie er selbst zu ihm steht, außer, dass er ihn eben tiefsinnig findet und dessen Darstellung durch Hauffe auch in formaler Hinsicht für brauchbar hält. Soweit Steiner zu S. 1–27 von Hauffes Buch.
Was er danach, also ab S. 28 des Hauffeschen Werks, kritisch ins Auge fasst, bezieht sich u.a. auf Inhalt und Form von Hauffes eigenen Gedanken: «Weniger gut ist es dem Schreiber dieser Zeilen» (gemeint ist der Autor Hauffe) «mit dem folgenden Inhalt gelungen, der eigene Gedanken Hauffes über Metempsychose mit Aussprüchen bedeutender Denker und Künstler aller Zeiten darüber zusammenwebt, und dem Übersichtlichkeit und Klarheit (Hervorhebung T. M.) ganz fehlen». Des weiteren moniert Steiner die «unzähligen Wiederholungen» und fordert, «der Inhalt müsste auf ein Drittel des Raumes beschränkt werden und die Disposition sich auf die verschiedenen Seiten stützen, von denen aus die Sache im Laufe der Zeiten aufgefasst worden ist. In diesem Falle müssten selbst die Bekenner ganz entgegengesetzter Anschauungen, zu denen ich mich zähle, für das Buch dankbar sein.» Dieser Satz (Hervorhebung T.M.), der eigentliche «Beleg» für Lindenbergs Theorie, bezieht sich erstens auf die unwissenschaftliche Form von Hauffes Darstellung und zweitens auf die unmittelbar danach näher gekennzeichneten pseudo-wissenschaftlichen Anschauungen des Autors Hauffe: «Ein moderner Denker (Hervorhebung T. M.) wird natürlich Sätze wie zum Beispiel den folgenden nicht verstehen: ‹Wenn schon im gegenwärtigen Dasein ein Abbilden unseres Innern in leiblicher Erscheinung stattfindet, warum sollte uns dies künftig entzogen sein, da wir doch keine der wesentlichen innern Bedingungen verlieren, und die äußern Mittel dafür wohl auch sich finden werden, der künftigen Daseinsstufe gemäß?› In Urteilswendungen wie: ‹Warum sollte nicht?› zu denken, hat sich die gebildete Menschheit längst abgewöhnt.»
Auch hier keine Spur einer Kritik am Gedanken der Wiedergeburt als solchem, sondern lediglich an den unwissenschaftlichen Anschauungen Hauffes, an dessen «eigenen Gedanken». Das zeigt noch eindringlicher die Fortsetzung: «Man könnte mit demselben Recht wie obigen Satz auch den niederschreiben: Wenn die Pflanze Wachstum und Ernährungsfähigkeit hat, warum sollte sie nicht auch Seele haben?»
Steiner ist ein Gegner solcher ins Leere spekulierender, unwissenschaftlicher Anschauungen, nicht des Reinkarnationsgedankens als solchen. Das zeigt auch der Schlussatz: «Auch an anderen Orten sind Stellen aus philosophischen Schriftstellern zitiert, die mit der Metempsychose nicht das Geringste zu tun haben und die nicht verstanden und aus dem Zusammenhange gerissen sind.»
Nur ein in Vorurteilen befangenes Denken wird den «Satz des Anstoßes» inhaltlich auch auf den Hauptgedanken Lessings, den Reinkarnationsgedanken, beziehen wollen, den Steiner doch gleich eingangs ausdrücklich zu den tiefsinnigen Gedanken zählt.
Es stellt sich also heraus, dass sich Christoph Lindenbergs gravierende Widerspruchs-Behauptung als vollkommen unnachweisbar erweist – und letztlich nach dem pseudo-wissenschaftlichen Hauffeschen Muster gebaut ist: ‹Warum sollte nicht?› (Warum sollte Rudolf Steiner nicht binnen weniger Jahre in wichtigsten Dingen ganz widersprüchliche Auffassungen vertreten?) Im Übrigen lassen Lindenbergs und Guts Behauptung Steiners eigene Darstellung, die er im Lebensgang am Ende seines Schaffens über sein Verhältnis zur Reinkarnation gegeben hat, als objektive Unwahrheit oder gar als nachträglichen Schwindel erscheinen. Aber auch hier werden Geister wie Lindenberg, Gut & Co wohl einfach fragen: «Warum sollte nicht?»
Wenn Gut in seinem Büchlein suggeriert, Steiner spreche von «entgegen gesetzten Anschauungen als der Reinkarnation», so ist das hinzugesetzte als der Reinkarnation reine Willkür, oder einfach die Lindenberg nachgeplapperte Fehlinterpretation.
Es gehört zu den traurigen Zeichen des gegenwärtigen Zustands der anthroposophischen Bewegung, dass alte gravierende, längst widerlegte Fehl-Behauptungen in pseudo-kritischer Pose und in leichtfertigster Weise neu aufgewärmt und von einem Verlag verbreitet werden können, der vorgibt, dem Werk Rudolf Steiners dienen zu wollen.

Thomas Meyer

Dieser Aufsatz wurde in den 90er Jahren publiziert und für den Europäer überarbeitet.


* Dies gilt insbesondere für die auf S. 10 gekennzeichneten Vertreter der «Neujahrsströmung»
** Wie sich die Reinkarnationserkenntnis bei Steiner gerade in diesen Jahren tatsächlich entwickelte, habe ich in meiner Schrift Rudolf Steiners «eigenste Mission» (Basel, 2. Aufl. 2010) darzustellen versucht.
*** Diese Äußerung wurde interessanterweise exakt 100 Jahre nach dem auch Lindenberg bekannten Neumann-Erlebnis vom 9. November 1888 publiziert. – Im Übrigen können Erfahrungen nicht verworfen werden; allenfalls die Gedanken, die man sich über sie gemacht hatte.



«... außer der maßlos mystifizierten Philosophie der Freiheit»
Taja Gut, Wie hast du’s mit der Anthroposophie? Eine Selbstbefragung,
Pforte 2010 (Label des R. Steiner Verlages)

Der Klappentext beginnt so: «Thema dieser kein Tabu scheuenden ‹Selbstbefragung› ist das ganze Spannungsfeld, in dem sich ein Zeitgenosse bewegt, dem die Anthroposophie vertraut ist, dessen Leben und Interessen sich aber nicht auf deren Kreis beschränken.» Dieser Satz enthält viele Elemente, die Interesse wecken, aber auch Einiges ahnen lassen.

Das Buch ist in sieben Kapitel eingeteilt, die keine Titel haben. Im ersten Kapitel finden wir folgende Charakteristiken von Rudolf Steiner und der Anthroposophie (eine kleine Auswahl):
• «Ich stelle fest, dass Steiner auch 150 Jahre nach seiner Geburt noch immer ziemlich verquer in der abendländischen Kulturlandschaft steht, Vogelscheuche von der einen, Ikone von der anderen Seite. (…)
• Eine seiner penetranten Redewendungen lautet doch (…)
• Wenn man die Floskel ‹unbefangen› – noch so ein Lieblingswort von ihm – betrachtet (…)
• Er ertränkt ja seine Zuhörerschaft geradezu in einer Flut von ‹Mitteilungen aus der geistigen Welt›»

Im zweiten Teil geht es in gleicher Art weiter:
• «Steiner ist zweifellos einer der wirkungsmächtigsten
Parias der Geschichte.
• Selbstkritische Reflexionen sind ihm, so viel ich sehe, fremd.
• Er korrigiert sich nicht in seinen Äußerungen, auch wenn sie früheren widersprechen, nimmt nichts zurück, auch offensichtliche Irrtümer nicht… (…)
• (…) seiner Fehlbesetzung als Philologe bei der Herausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften
• Vertuschungen? Die zum Teil bis in die Editionspraxis der ‹Gesamtausgabe› hinein wirkten.
• Wie gesagt, auch wenn das editorische Verfahren aus der Sach- oder Notlage heraus begreiflich ist, so zeigt sich hier, wie mir scheint, der eigentliche Pferdefuß der anthroposophischen Lehre…»

Im vierten Kapitel fragt das vom Autor als Dialogpartner eingeführte Alter Ego: «Was gibt dir eigentlich das Vertrauen in den Menschen Rudolf Steiner?» – und der Autor antwortet: «sein Gesicht, letztlich, glaube ich, wie ich es von fast allen vorhandenen fotografischen Porträts her kenne. Das Unangestrengte, Unasketische, Nachdenkliche darin; die Wärme und Entschiedenheit, die es ausstrahlt; die klaren, ‹fast unheimlich bewussten› Augen; das – abgesehen von der Halsbinde – Zeitlose seiner Erscheinung.»

Sofort geht es aber wieder im alten Ton über Steiner weiter:
• «Die Krux bei Steiner besteht in seiner Verbindung von unbestreitbar praktischem, logischem Denken mit dem, was er mit dem unglücklichen Ausdruck ‹übersinnliche Wahrnehmung› bezeichnet.
• Als Ch. Lindenberg, ein gestandener Anthroposoph wohlgemerkt, 1970 als Erster mit einer kleinen Schrift über ‹Rudolf Steiners Zugang zum Christentum› äußerst vorsichtig auf gewisse Widersprüche in Steiners Selbstdarstellung hinwies, erhob sich unter Anthroposophen ein, wie man so schön sagt, Sturm der Entrüstung.
• Dass sein ‹Frühwerk›, außer der maßlos mystifizierten Philosophie der Freiheit (und diese auch nur in der kompatibilisierten Neuauflage von 1918), von den Anthroposophen praktisch nicht zur Kenntnis genommen wird, wie ebenfalls ein Blick auf die Verkaufszahlen zeigt, erscheint mir symptomatisch: Es ist eine Art ideologischer Selbsterhaltungstrieb.
• Dieser unsägliche Hang zum Absoluten! Egal ob Feldweg oder Autobahn: Er fährt unbeirrbar mit Bleifuß, auch da, wo er sich selber als Geisterfahrer entgegenkommt.
• Nicht minder peinlich ist es, wenn noch der unbeholfensten Phrase ein spirituelles Kompositionsgeheimnis untergeschoben wird…
• Er war kein Philologe. Kaum ein Zitat, das er wiedergibt, ist exakt.
• Er ist da oft unbefangen tendenziös. Mit fatalen Folgen.»

Dann folgt eine doch überraschende Aussage auf die Frage des Alter Ego, warum der Autor sich dennoch auch öffentlich mit Steiner beschäftige:
«Weil ich ihm eine Menge verdanke und ihn nach wie vor für einen höchst inspirierenden Menschen halte; weil man es sich eigentlich nicht leisten kann, seine Einsichten nicht in Betracht zu ziehen; und weil ich mir Gerechtigkeit für ihn wünsche, freies Geleit.»

Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen und aneinander zu reihen, so wird durch das ganze Buch verfahren. Oft folgt darauf ein reißerischer, seltsam berührender Kommentar.
Alles nach dem Stil, wie Heyer in seinem Standardwerk Wie man gegen Rudolf Steiner kämpft (Perseus, 2008, S. 117) über die Gegner Rudolf Steiners schreibt: «… da behauptet er vorsichtigerweise nicht geradezu, sondern deutet an, fragt, vermutet; aber was er so andeutet, fragt, vermutet, das setzt sich – weiß er – mit um so stärkerer suggestiver Kraft in der rege gewordenen Phantasie des harmlosen Lesers fest.»
Dieses Treiben charakterisiert R. Steiner schon am 27.10.1917 so: «Dazu müssen natürlich zuerst die Weltanschauungen, die Auffassungen der Menschen verworren gemacht werden, die Begriffe, die Vorstellungen müssen zunächst verkehrt werden. Und hier ist ein ernstes Gebiet, auf das man sehr wachsam hinschauen soll.» (GA 177)
Abschließend sei eine Frage an die Herren Bohlen, Bhend, Schär und Stauffer (Verwaltungsräte des R. Steiner Verlages) erlaubt: Wie passt dieses Buch zum im Handelsregister eingetragenen Vereinszweck «Verein zur Erhaltung, Erforschung und Veröffentlichung des wissenschaftlichen und künstlerischen Nachlasses von Rudolf Steiner»?

Marcel Frei


  Die vollständigen Artikel von Thomas Meyer und Marcel Frei zum herunterladen.




21.1.2010

9/11 – Alles gelogen? –
400 Wissenschaftler gegen Bush

So zu lesen auf dem Titelblatt von Focus-Money vom 2. Januar 2010.
Auf S. 74 bis 78 findet sich dann ein Artikel von Oliver Janich mit dem Titel «Terroranschläge vom 11. September 2001 – Wir glauben euch nicht!» – inmitten der Porträts von 40 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens (Schriftsteller, Wissenschaftler, Schauspieler etc.), die seit Jahren Zweifel an der offiziellen US-Verschwörungstheorie zum Ausdruck brachten. Was unterscheidet diese und Tausende von anderen Menschen von all jenen, welche die offizielle Erklärung fraglos akzeptieren?
Januch sagt: «Sie haben sich mit den Fakten beschäftigt, von denen in den traditionellen Medien keine Rede ist» (S. 76)

Der Artikel ist ein Novum ist den Mainstream-Presse. Er fasst die neuesten Untersuchungen zu den September-Anschlägen klar zusammen. Insbesondere die erdrückenden Indizien, die für eine kontrollierte Sprengung aller drei Türme in New York (WTC 1 und 2 und Gebäude 7, das um 17 Uhr nachmittags in sich zusammensank) sprechen.
Außerdem werden die wichtigsten amerikanischen Webseiten angegeben.
Wer immer noch Zweifel an der Berechtigung der Zweifel an der offiziellen Theorie hegt, hat hier Gelegenheit, sie auszuräumen.
Wir bieten Ihnen hier den gesamten Artikel als PDF-Download an. Wir danken der Redaktion von Focus-Money für den Verkauf des auf ein Jahr beschränkten Rechts der Veröffentlichung. Der ganze Artikel kann auch unter Europäer/Archiv/Politik/11. September heruntergeladen werden.

Thomas Meyer




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Letzte Änderung: 30-08-2010| © Perseus Verlag Basel | Zählerstand: