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Gefahren der Vitamin D-Behandlung

In den letzten Jahren hat sich in der menschlichen Zivilisation ein gewisser Vitamin D-Rausch ausgebreitet. Alle Bereiche der Medizin sind davon betroffen, ob die Innere Medizin oder die Onkologie, die Naturheilkunde oder die Anthroposophische Medizin. Auch die Medien, vor allem die Zeitschriften der Regenbogenpresse, reihen sich in diesen Reigen ein. Gegen Müdigkeit und chronische Infekte, gegen Krebs und Leistungsabfall: Vitamin D scheint ein Allheilmittel geworden zu sein.

Vitamin D ist aber kein Vitamin

Zuerst muss man wissen, dass das sogenannte «Vitamin D» gar kein Vitamin ist. Definitionsgemäß ist ein Vitamin eine Substanz, die der Mensch nicht selbst produzieren kann, deshalb muss er sie mit seiner Ernährung von außen aufnehmen. Sonst entsteht ein Mangel – und aus diesem Mangel eine Erkrankung. Zum Beispiel Vitamin C: das Vitamin C befindet sich in allem frischen Gemüse und im Obst. Als früher die Matrosen monatelang auf hoher See waren und kein frisches Gemüse oder Obst zu sich nehmen konnten, bekamen sie Skorbut. Das ist ein Mangel an Vitamin C mit gehäuften Blutungen und Ausfallen der Zähne. Das Essen von Frischem heilte dann diese Krankheit vollständig aus.

Am Anfang dachte man, Vitamin D sei ein Vitamin. Später fand die Medizin heraus, dass das Vitamin D vom Organismus selbst produziert wird. Aber eine vom Organismus selbst produzierte Substanz mit Wirkung auf den Stoffwechsel ist definitionsgemäß ein Hormon und kein Vitamin. Vitamin D ist also ein Hormon, wie Kortison und Östrogen. Deshalb wurde das Vitamin D umbenannt in «D-Hormon». Dieser neue Name blieb aber sogar den meisten Ärzten unbekannt. Der neue abstraktere chemische Name für Vitamin D, das «Cholecalciferol», verdeckt vollständig das Wesentliche, dass wir es hier mit einer Substanz zu tun haben, die der Organismus selber produziert. Das hat aber sehr große Konsequenzen: Wenn man eine normale Menge eines Hormons produziert, dann ist jede zusätzliche «prophylaktische» Einnahme eigentlich eine Überdosierung, und jede Überdosierung bringt manch eine kleinere oder größere Schädigung mit sich. Das hat man zum Beispiel bei der prophylaktischen Verabreichung von Östrogen nach den Wechseljahren erfahren, was eine fördernde Wirkung auf den Brustkrebs hat.

Wo wird Vitamin D im Körper produziert?

Eigentlich wird vom Organismus nicht das Vitamin D selbst produziert, sondern das Provitamin D – und zwar in der Niere. Dieses Provitamin D gelangt dann in die Haut, wird dort vom Licht beschienen und in das aktive Vitamin D umgewandelt. Man müsste sagen, das wirkliche Vitamin, das von außen kommen muss, das wir nicht selber produzieren können, das ist das Licht.

Aber was macht dieses jetzt aktivierte Vitamin D?

Funktion des Vitamin D

Wir nehmen Calcium durch die Milch und durch Milchprodukte in uns auf. Das aktivierte Vitamin D bewirkt, dass dieses Calcium dann im Darm aufgenommen wird und in das Blut kommt. Von dort aus geht ein Teil des Calciums in die Knochen und macht sie hart. So können die Knochen das Gewicht des Körpers tragen, ohne sich zu biegen.

Aber der Organismus schützt sich eigentlich vor einer übermäßigen Aufnahme von Kalk: nur ca. 30% von dem gesamten mit der Nahrung eingenommenen Kalk wird im Darm tatsächlich aufgenommen. Das ist der gesunde Zustand bei einer normalen Produktion von Vitamin D. Aber was ist eine normale Produktion?

Der sogenannte «normale Wert» von Vitamin D im Blut

In den Büchern steht, dass der normale Wert von Vitamin D im Blut über 30 pg/ml beträgt. Wenn man aber die Werte von vielen Menschen vergleicht, merkt man, dass in Wirklichkeit kaum jemand diesen sogenannten «normalen» Wert erreicht, sondern dass dieser Wert eher um ca. 10 pg/ml liegt. Ein höherer Wert ist vor allem nicht während der Wintermonate zu erreichen, da dann auf Grund des geringeren Sonnenlichts dieser Wert immer niedriger ist. Aber wenn der angeblich «gesunde» Wert von über 30 pg/ml kaum von jemandem erreicht wird, dann kann er nicht ein «normaler» Wert sein.

Es ist dringend notwendig, die statistische Bestimmung des normalen Wertes von Vitamin D im Blut während der Wintermonate nachzuholen. Man kann ihn nicht mit den Blutwerten im Sommer vergleichen, so wie man nicht den normalen Wert von Östrogen bei Frauen vor den Wechseljahren mit dem Wert bei Frauen nach den Wechseljahren vergleichen kann. Selbstverständlich haben die Frauen nach den Wechseljahren normalerweise einen niedrigeren Wert von Östrogen.

Es scheint sich hier um eine ähnliche Situation wie bei dem angeblich «normalen» Wert von Cholesterin zu handeln. Offiziell liegt seit den 80-er Jahren des vorigen Jahrhunderts der Normalwert von Cholesterin unter 200 mg/dl (5,2 mmol). Die meisten gesunden Menschen haben aber einen Cholesterin-Wert von 250 bis 280 mg/dl (6,5 bis 7,3 mmol), der also deutlich höher liegt als dieser offizielle Normal-Wert und deshalb «pathologisch» ist. Der frühere Normal-Wert von unter 300 mg/dl (7,8 mmol), den die Ärzte vor 1980 benutzten, hat wirklich zur Realität gepasst. Inzwischen sind viele Publikationen erschienen, die auf diese Tatsache aufmerksam machen, z.B. Die Cholesterin-Lüge von Hartenbach oder Fette Irrtümer von Colombani.

Schädigung durch Vitamin D

Am besten ist die Schädigung durch Vitamin D an den extremen Fällen zu sehen – an den Fällen der Vergiftung. Diese Tatsache ist spätestens seit den 60-er Jahren des vorigen Jahrhunderts bekannt. Damals wurden die Neugeborenen bis zum zweiten Lebensjahr mit Vitamin D als Rachitis-Prophylaxe «gestoßen». Ein Vitamin D-Stoß betrug eine einmalige Verabreichung des 400-fachen von der heute üblicherweise empfohlenen täglichen Dosierung von Vitamin D (500 I.E. pro Tag). Der Vitamin D-Stoß betrug also 200 000 I.E. auf einmal. Dieser wurde dann im Abstand von sechs Monaten wiederholt, und zwar bis zu sechsmal (!) insgesamt.

Es gab bei dieser Behandlung mehrere Todesfälle von kleinen Kindern. Die Kinderleichen wurden geöffnet, und es fand sich eine ausgeprägte Verkalkung der Gefäße (Prof. A. Beuren, im ärztlichen Kongress vom 6. bis 8. Mai 1966 in Bremen. Zitiert durch Wilhelm zur Linden, Erfahrungsheilkunde, Band XVI, Heft 2, 1967). Das ist nicht erstaunlich, denn das Vitamin D fördert die Aufnahme von Calcium aus dem Darm ins Blut. Besonders die Gefäße von Herz und Lunge waren betroffen. Der Austausch der Gase war allmählich nicht mehr möglich, und das Kind erstickte langsam. Leider wurde dieses erschütternde Ergebnis nur zögerlich zur Kenntnis genommen, aber die Vitamin D-Stöße wurden dann  letztlich doch aufgegeben. Aber nur die Stöße.

Verursachen kleine Dosierungen von Vitamin D auch Schädigungen?

Es ist, wie gesagt, naheliegend, dass Vitamin D eine Verkalkung der Gefäße fördert, denn es fördert die Aufnahme von Calcium, das dann in das Blut kommt. Calcium ist eine Substanz, welche die Eigenschaft hat, sich abzulagern, was man an der Bildung von Tropfsteinhöhlen sieht. Im Körper lagert sich das Calcium an den Gefäßwänden ab, besonders da, wo schon eine Unebenheit, eine Plaque, da ist. Sind schon Kinder, die keine Plaque haben, durch Überdosierung von Vitamin D an schwerer Verkalkung der Gefäße gestorben, dann können wir annehmen, dass auch kleine, aber täglich eingenommene Dosierungen bei jedem Menschen, wenn auch nicht den Tod herbeiführen, so doch immer noch Schädigungen durch Verkalkung der Gefäße verursachen. Gerade bei älteren Menschen zum Beispiel, aber eigentlich in jedem Alter, wird eine allgemeine Verkalkung gefördert. Diese Verkalkung ist gerade bei den dünnen Gehirngefäßen verheerend und fördert die Tendenz zu einer Demenz.

Es ist aber naheliegend, dass gerade schon bei einer geringfügigen Gefäßverkalkung des Gehirns andere Schädigungen auftreten, die nicht in einer sichtbaren physischen Krankheit erscheinen, sondern «nur» als eine seelische Tendenz, die in Richtung einer allgemeinen Erstarrung geht. Davon sind wieder alle betroffen, die regelmäßig Vitamin D in einer kleinen Dosierung nehmen, nicht nur die Kinder.

Wie sehen die «kleinen» Schädigungen genau aus?

Die «kleinen» Schädigungen von Vitamin D sind wieder bei den Kindern, die mit hohen Dosierungen behandelt worden sind, am einfachsten zu sehen. Wilhelm zur Linden, der viele solcher Kinder beobachtet hat, beschreibt, was auch andere (Cook, Beuren, Taussig) bei den mit Vitamin D-Stößen behandelten Kindern «geistige Schädigungen» oder «Hemmungen der geistigen Entwicklung» nennen (Wilhelm zur Linden, ebd.). Zur Linden selbst charakterisiert diese geistigen Schädigungen als eine nachlassende schulische Leistung, Interesselosigkeit, Einengung des geistigen Horizontes auf rein technische Interessen und «eine Vergröberung des Skelettes bei gleichzeitiger Schrumpfung der Bewusstseins-Weite und Hemmung der geistigen Beweglichkeit» (ebd.). Das bedeutet also eine allgemeine seelische Verhärtung. Er fragt, ob Vitamin D eine Verminderung sogar der Bildungsfähigkeit überhaupt verursachen könnte.

Diese Schädigungen sind weit bedenklicher als alle Beschwerden, bei denen das Vitamin D Hilfe bringen könnte, denn sie verändern die gesamte Persönlichkeit in Richtung Erstarrung, Mangel an Beweglichkeit des Denkens, kurz: Sklerotisierung. Zur Linden beendet seinen Artikel mit der berechtigten Frage, ob diese mit Vitamin D-Prophylaxe behandelten Säuglinge, die auf den Weg der Verkalkung gebracht wurden, nicht die Scharen von an Demenz erkrankten alten Menschen in der Zukunft deutlich vergrößern werden.

Aber entscheidend ist, dass zur Linden diese subtilen Veränderungen der psychischen Eigenschaften nicht nur bei Kindern festgestellt hat, die mit einer hohen Dosierung von Vitamin D behandelt worden sind, sondern auch bei denen, die über viele Monate eine ausgedehnte Vitamin D-Behandlung in täglichen kleinen Dosierungen von 500 bis 1000 I.E. bekommen haben. (zur Linden, ebd.)

Wie sieht ein wirklicher Mangel an Vitamin D aus?

Da Vitamin D die Aufnahme von Calcium im Darm bewirkt, wird bei einem Mangel von Vitamin D zu wenig Calcium aufgenommen.

Das ist ein Problem nicht bei Erwachsenen, sondern bei Kindern, besonders bei Neugeborenen und Säuglingen, weil ihre Knochen noch aus Knorpel bestehen und deshalb weich sind. Bei zu weichen Knochen kann sich der Hinterkopf verflachen durch das Liegen, die Beine können krumm werden durch den Versuch zu stehen und zu gehen. Also zeigt sich ein Mangel an Vitamin D durch eine Verformung der Knochen aufgrund von weich bleibenden Knochen: Es ist die Rachitis.

Das ist eine Krankheit, die es bei Erwachsenen äußerst selten gibt: Sie heißt dann Osteomalacie oder Rachitis des Erwachsenen. Normalerweise haben Erwachsene Knochen, die schon sehr stark mit Kalk durchsetzt sind. Diese relativ hohe Menge an Calcium müsste sich zuerst einmal gänzlich auflösen, um eine Erweichung der Knochen zu bewirken. Dies geschieht bei Erwachsenen extrem selten, und wenn, dann eher durch eine Störung der Nebenschilddrüse als durch einen Mangel an Vitamin D und eine dadurch bewirkte mangelhafte Aufnahme von Calcium. Ganz im Gegenteil: Früher wusste man, dass gerade der alte Mensch sich etwas hüten muss vor Calcium-Einnahme, weil er schon von sich aus eine Tendenz zur «Verkalkung» hat. Das bedeutet nicht, dass der alte Mensch keine Milch und Milchprodukte zu sich nehmen sollte, denn wir haben gesehen, dass übermäßig eingenommenes Calcium durch den Stuhl wieder ausgeschieden wird. Es bedeutet aber, dass der alte Mensch kein zusätzliches Vitamin D zu dem selbst produzierten einnehmen soll, welches den Körper zwingt, mehr Calcium aufzunehmen, als er braucht.

Wer nimmt heute Vitamin D ein?

Vitamin D ist bis heute das Mittel der Wahl bei der Rachitis-Prophylaxe in einer empfohlenen «kleinen» Dosierung: täglich 500 I.E. für Neugeborene ab der zweiten Lebenswoche bis zum zweiten Lebensjahr. Diese Empfehlung wird heute bei fast allen Säuglingen durchgeführt. Ab dem zweiten Lebensjahr wird die eigene Produktion als ausreichend für das ganze Jahr beurteilt, wenn Hände und Gesicht von Kindern im Frühjahr und Sommer zwei Stunden pro Woche der Sonne ausgesetzt werden (Praxisleitfaden für Allgemeinmedizin, Verlag Urban und Fischer, München 2014, S. 867).

Außerdem wird das Vitamin D heute alten Menschen gegeben, meistens Frauen, als Prophylaxe und Therapie der Osteoporose (500 beziehungsweise 1000 I.E. pro Tag).

Zusätzlich bekommen heute all die vielen Menschen Vitamin D, die glauben, von diesem profitieren zu können. Wie oben gesagt: Viele Menschen nehmen von sich aus oder auf Verordnung des Arztes Vitamin D wegen aller möglichen Beschwerden (Müdigkeit, chronische Infekte, Krebs, Leistungsabfall usw.). Es wird aber auch ohne jegliche Beschwerden eingenommen, nur weil der Blutwert «zu niedrig» ist.

Vitamin D bei der Rachitis-Prophylaxe und -Therapie

Nach allem hier Beschriebenen müsste es ersichtlich sein, dass Vitamin D als Prophylaxe zu einer nicht erwünschten Verhärtung des ganzen Kindes führt. Das Vitamin D zwingt den Organismus, mehr Calcium aufzunehmen als nötig. Ein potenziertes Heilmittel aus der anthroposophischen Medizin dagegen stimuliert die Eigenproduktion von Provitamin D, ohne dass diese Produktion die gesunde Menge überschreitet.

Diese prophylaktische Behandlung besteht in der Verabreichung von Apatit/Phosphorus comp. K (Weleda): morgens nüchtern drei Tropfen in etwas Tee bei Säuglingen unter acht Monaten, beziehungsweise fünf Tropfen bei Säuglingen über acht Monaten. Abends gibt man dann den Säuglingen unter acht Monaten vor dem Essen eine Messerspitze Conchae/Quercus comp. S (Weleda) beziehungsweise Conchae/Quercus comp. K den Säuglingen über dem achten Lebensmonat. Die Prophylaxe fängt ein Monat nach der Geburt an und wird bis zum zweiten Lebensjahr durchgeführt. Sie ist besonders in lichtarmen Ländern während der Wintermonate zu empfehlen. Ein halbstündiger Spaziergang im Kinderwagen mit indirekter Lichteinstrahlung drei- bis viermal in der Woche ergänzt die Prophylaxe.

Auch bei der Therapie der Rachitis ist Vitamin D wegen seiner allgemein verhärtenden Wirkung nicht förderlich. Die Therapie ist nur nötig, wenn eine wirkliche Krankheit besteht, d.h. wenn Zeichen von weichen Knochen, meistens zuerst am Hinterkopf, bemerkbar sind. Sie besteht in einer Verstärkung der prophylaktischen Behandlung: Man nimmt eine zweite Dosis von Apatit/Phosphorus, und zwar vor dem Mittagessen, und eine zweite Dosis von Conchae/Quercus vor dem Zubettgehen. Diese Behandlung wird sechs Monate durchgeführt.

Wenn es nicht ausreichend ist und die Knochen immer noch verformbar sind, dann kann auch einmal täglich Lebertran gegeben werden. Wenn der Lebertran naturbelassen ist, was sehr wichtig ist, dann befindet sich das Vitamin D harmonisch verbunden mit Vitamin A, das ein Gegenspieler des Vitamin D ist und seine Nebenwirkungen im Großen und Ganzen aufhebt. Das wird ungefähr vier Wochen durchgeführt.

Wie ist es mit dem Vitamin D bei Osteoporose?

Trotz aller gegenteiligen Meinungen beruht die Osteoporose nicht auf einem Mangel an Vitamin D oder Calcium! (Vgl. Florian Horn, Biochemie des Menschen, Thieme-Verlag, Stuttgart-New York, 2012, S. 393)

Wenn man das Phänomen der Osteoporose-Krankheit beobachtet: Was ist überhaupt das Problem bei der Osteoporose? Die Brüchigkeit der Knochen.

Wir haben gesehen, dass Kalk hart macht, also auch die Knochen verhärtet. Dadurch werden sie fest und biegen sich durch das Gewicht des Körpers nicht. Aber: Harte Substanzen sind starr und dadurch auch brüchig. Wenn eine harte Substanz wie Glas auf einen Steinboden fällt, zerbricht sie. Das passiert bei einem Klumpen feuchten Lehms nicht. Also, hart macht fest, doch brüchig. Mit Calcium machen wir die Knochen härter, aber gerade dadurch… brüchiger. Durch den Kalk machen wir die Knochen der Osteoporose-Kranken eigentlich noch brüchiger, als sie schon sind. Das ist eine logische Konsequenz. Man braucht kein Institut und keine Statistik, um das zu beweisen. Das kann man einsehen.

Was fehlt denn den Osteoporose-Kranken? Nicht Kalk, sondern Knorpel. Es fehlt die elastische Knorpelmatrix, die den Knochen durchzieht. Dieser Knorpel ist überhaupt die Basis, an der dann der Kalk sich ablagern kann. Diese Knorpel-Basis in den Knochen fehlt den Osteoporose-Kranken. Bei alten Menschen überhaupt fehlt der Knorpel in den Knochen, auch an den Knochenenden, in den Gelenken. Das nennt man eine allgemeine Arthrose. Was ist dann die Therapie? Nicht Kalk, sondern Knorpel.

Bei Röntgenaufnahmen aber sieht es aus, als ob Kalk fehlen würde, deswegen der Name «Osteoporose». Der Knochen ist porös, durchsetzt mit Löchern. Das ist aber nur so, weil der Knorpel fehlt und der Kalk keine Grundlage hat, an der er sich ablagern kann. Der Knorpel selber ist aber nicht sichtbar durch die Röntgenstrahlen. Wenn man den Knorpel jedoch auf dem Röntgenbild sehen könnte, würde man merken, dass der Knochen noch deutlich weniger Knorpel hat als Kalk. Das Calcium fehlt nur sekundär, weil es nicht genug Knorpelfläche hat, um sich abzulagern. Aber weil man zu wenig Kalk sieht und nicht an den (unsichtbaren) Knorpel denkt, kommt es zum Fehlurteil: Es fehlt Kalk, das muss man ersetzen…

Bei Osteoporose fehlt also Knorpel. Der wichtigste Bestandteil von Knorpel ist organisches Silicium. Das organische Silicium, nicht das anorganische, hat die Eigenschaft, das 330-Fache seines eigenen Gewichts von Wasser an sich zu binden. Damit bildet dieses organische Silicium eine Substanz, die nicht flüssig und nicht fest ist, sondern etwas dazwischen: eben gelatinös/elastisch.

Deswegen sollte man prophylaktisch kieselreiche Ernährung zu sich nehmen. Das ist Hirse, Gerste und Gelatine (Sülze). Man kann auch Knorpel einnehmen von Tieren, besonders von solchen, die in ihren Knochen fast nur Knorpel bilden mit ganz geringer Calciumablagerung. Sie haben eine außerordentlich starke Knorpelbildungskraft. Das sind die sogenannten «Knorpelfische». Ein großer Repräsentant dieser Familie ist der Haifisch. Man kann also als Prophylaxe Haifischknorpel-Kapseln nehmen, zum Beispiel von Allcura, einmal täglich eine Kapsel. Ist die Osteoporose-Krankheit aber schon ausgebrochen, sind schon Beschwerden da, sollte man es zweimal täglich einnehmen. In diesem Fall sind zusätzlich Injektionen von potenziertem Knorpel der Bandscheibe (Disci) notwendig. Das ist Disci comp. cum Argento (Wala), das man zweimal wöchentlich als Injektionen unter die Haut in der Nähe der schmerzhaften Stelle spritzt. Wenn die Packung leer ist, nimmt man Disci comp. cum Stanno. Nach dieser Packung nimmt man wieder cum Argento, danach cum Stanno und so weiter. Dies muss man ein bis zwei Jahre durchführen, zusammen mit dem Haifischknorpel.

Hilft Vitamin D wirklich bei allen anderen Beschwerden?

Wie ist es mit der Müdigkeit, mit den immer wieder auftretenden Infekten, mit der Leistungsschwäche und deren Zusammenhang mit Vitamin D? Gibt es überhaupt einen solchen Zusammenhang?

Könnten diese Beschwerden nicht von woanders herkommen als von einem Vitamin D-Mangel? Drei sehr naheliegende Gründe könnte es geben für diese heute epidemisch auftretenden Beschwerden: Das sind Mangel an Schlaf, Mangel an Bewegung und Mangel an Nahrungsmitteln, die wirklich Leben enthalten (siehe Otto Wolff, Was essen wir eigentlich?). Auch die tägliche stundenlange Benutzung von elektronischen Medien muss hier erwähnt werden.

Aber es ist typisch für den Menschen, dass er lieber ein paar Tabletten einnimmt, als dass er festgefahrene, ihm lieb gewordene schlechte Gewohnheiten verändert.

Behandlung von Schäden von Vitamin D

Es ist einfacher, einem weichen, unreifen Zustand zur Reifung, Verhärtung zu verhelfen als einen verfrühten Verhärtungs- und Alterungsprozess rückgängig zu machen. Trotzdem ist es seit eh und je bekannt, dass Silicium auch eine antagonistische Wirkung zum Calcium hat. Deswegen der bezeichnende Name eines alten Medikaments, «Sklerosol», das nur aus Siliciumdioxid bestand. Man hat Siliciumdioxid früher gegen jede Form von Sklerose benutzt. Sikapur® ist ein heutiges Präparat, das Siliciumdioxid in kolloidaler Form, das heißt fein verteilt in Wasser, enthält und dadurch vom Organismus leicht aufzunehmen ist. Erwachsene nehmen einen Esslöffel morgens nüchtern mindestens ein Jahr lang und danach kurmäßig zweimal jährlich drei Monate. Auch Kinder können damit behandelt werden, wenn sie Vitamin D längere Zeit bekommen haben. Wenn sie unter fünf Jahre alt sind, dann ist ein Teelöffel statt eines Esslöffels ausreichend. Kinder werden nur sechs Monate damit behandelt.

Ein letztes Wort

Es gibt ganze Länder, wie die USA und Kanada, in denen seit den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts der Milch per Gesetz Vitamin D zugesetzt werden muss (400 I.E. pro Liter). Diese Tendenz fängt an, sich über die ganze Welt auszubreiten, wie zum Beispiel schon in manchen Ländern in Südamerika. Was bedeutet das jetzt für ein ganzes Volk? Dass der Mensch gezwungen wird, dieses Hormon mit der Milch aufzunehmen, hat sehr wohl nachvollziehbare Folgen. Um zur Linden zu zitieren: die Schrumpfung der Bewusstseins-Weite und die Hemmung der geistigen Beweglichkeit der Menschen.

Rudolf Steiner berichtet schon 1919 über dieses moderne menschliche Phänomen. Damals war zwar Vitamin D noch nicht einmal bekannt. Trotzdem hatte die Verhärtungstendenz der Menschen schon angefangen. Rudolf Steiner beschrieb, wie diese Verhärtungstendenz aussieht, in einem Brief über seine Erlebnisse nach einem öffentlichen Vortrag über das dringendste Problem unserer Zeit und seine Lösung, über neue Wege im großen sozialen Miteinander: «Dabei dieser Mangel an ‹Verständnisfähigkeit› bei den Leuten. Wichtiges, was ich will, hören sie einfach gar nicht. Es ist, als ob sie nur fähig wären, Dinge zu verstehen, an die sie bis zur Satzgestaltung seit 30 Jahren gewöhnt sind. Verhärtete Gehirne, gelähmten Ätherleib, leeren Astralleib, völlig dumpfes ‹Ich›. Das ist die Signatur der Menschen der Gegenwart.» (Helmuth von Moltke (1848–1916), Dokumente zu seinem Leben und Wirken, Hrsg. Thomas Meyer und Andreas Bracher, Band 2, S. 240, Perseus-Verlag, Basel 2007).

Der Unfähigkeit leise «Zwischentöne» zu begreifen, d.h. geistige Gedanken, dieser Tendenz, die schon damals anfing, wird jetzt durch Vitamin D ein deutlicher Vorschub geleistet.

Diese hier vorgebrachten Gedanken mögen als Weckruf dienen.

Dr. med. Daphné von Boch

 

Zur Autorin

Daphné von Boch ist in Canada geboren und lebt seit vielen Jahren in Basel. Sie hat fünfzehn Jahre als anthroposophische Ärztin und Psychologin in zwei anthroposophischen Reha-Kliniken für Psychosomatik gearbeitet, die letzten drei Jahre als leitende Ärztin. Seit 2017 arbeitet sie in einer eigenen Privatpraxis in Deutschland. Seit vielen Jahren bildet sie Ärzte in Anthroposophischer Medizin in Osten und Fern-Osten aus und gibt die Bücher von Otto Wolff neu heraus.